Tag Archives: Les Paul

Die elektrischen Gitarren

guit4Ich komme nun zu einem Instrument, das seit mindestens 50 Jahren die Rockmusik prägt wie kein anderes aber auch in den anderen populären Musikstilen eine tragende Rolle spielt. Über elektrische Gitarren ist schon soviel gesagt und geschrieben worden, dass ich an dieser Stelle einen anderen Einstieg wage, nämlich mit einer leicht ketzerischen Frage, direkt nach dem obligatorischen Hörbeispiel, dieses Mal zum Klang der verschiedenen elektrischen Gitarren:

(Klangbeispiel: E-Gitarren)

Jetzt alle Musikinstrument-Hörbeispiele als MP3 laden (HQ)

Warum gibt es überhaupt elektrische Gitarren und wofür sind sie gut?

Die erste Frage ist recht einfach zu beantworten. Es gibt elektrische Gitarren, weil akustische Gitarren eigentlich zu leise sind. Warum sehen Sie keine Gitarristen in einem Sinfonieorchester? Weil es zur Zeit der großen sinfonischen Komponisten noch keine elekrischen Gitarren gab und weil akustische schlichtweg zu leise wären, um sich neben all den Blech- und Holzbläsern, Streich- und Schlaginstrumenten zu behaupten. Würde Richard Wagner heute E-Gitarrenparts in seine Sinfonien einfliessen lassen? Mit Sicherheit! Bevor ich jedoch den Zorn der Klassik-Puristen auf mich ziehe, gehe ich an dieser Stelle nicht weiter auf die sinfonische Welt ein. Ich halte aber fest: Eine akustische Gitarre ist eigentlich zu leise. Nicht zu leise für einen geschlossenen kleinen Raum oder eine kleine Pfadfinder-Runde aber zu leise, um eine größere Gruppe von Zuhörern zu unterhalten. Vor 100 Jahren nahm die Gitarre daher weder im klassischen Orchester noch in der Tanz- und Unterhaltungsmusik eine herausragende Stellung ein.

Mit der Erfindung des Grammophons und der ersten Radios begann zugleich die Entwicklung immer leistungsfähigerer Verstärker und Lautsprecher. Ich möchte Sie nicht mit Daten und Details langweilen, daher beschränke ich mich auf eine grobe zeitliche Einordnung. Etwa ab den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelten Ton-Ingenieure, Gitarrenbauer und/oder Tüftler verschiedene Versionen eines elektromagnetischen Tonabnehmers. Das Prinzip dieser frühen Tonabnehmer findet noch heute Verwendung und beruht auf dem physikalischen Phänomen der Induktion. Die Schwingungen der Stahlsaiten über dem elektromagnetischen Tonabnehmer werden von diesem aufgenommen und in elektrische Impulse umgewandelt. Diese elektrischen Impulse werden über ein Kabel an einen Verstärker weitergeleitet und somit hörbar gemacht. Hierbei könnte es sich beispielsweise um den Verstärker und Lautsprecher eines damaligen Röhrenradios gehandelt haben. Entscheidend ist, dass der Ton nicht direkt durch die Schwingung der Decke bis zum Zuhörer getragen wird, sondern dass die magnetische Aufzeichnung und anschliessende Umwandlung der Saitenschwingung in elektrische Impulse den Ton erzeugt. Hierdurch wird der Originalton der Gitarre, der akustische Ton, verfremdet und je nach Leistung des Verstärkers sogar verzerrt. Ein elektromagnetischer Tonabnehmer überträgt nicht den Originalklang der Gitarre, sondern schafft in Wechselwirkung mit dem Verstärker einen neuen, veränderten Klang. Dieses Prinzip steht in krassem Gegensatz etwa zur Aufgabe eines Mikrophons, das ein Schallereignis möglichst originalgetreu, unverfremdet und vor allem unverzerrt wiedergeben soll.

In den 1930er Jahren brachten nun einige amerikanische Gitarrenhersteller die ersten Gitarren mit elektromagnetischen Tonabnehmern auf den Markt. So etwa die Firma Gibson die legendäre ES-150. Diese ersten elektrifizierten Gitarren bezeichnet man heute landläufig als “Jazzgitarren”. Da die Schwingung der Decke nicht mehr so wichtig für die Lautstärke des Instrumentes war, verschwand das Schallloch und wurde (meistens) durch die sogenannten f-Löcher ersetzt, die optisch an die Streichinstrumente erinnern. Doch entscheidend für den Erfolg der neuen Entwickung war, dass Gitarristen diese elektrischen Gitarren zunächst trotz – später sogar gerade wegen ihres verfremdeten Klanges mochten. Auch beim Publikum kam der neue Sound an und es folgte in den kommendnen Jahrzehnten der Siegeszug der elektrischen Gitarre durch sämtliche Sparten der populären Musik. Dieser Siegeszug begann in den USA, beschränkte sich zunächst auf typisch amerikanische Stilistiken wie den Blues, Country und Rock’n’Roll, schwappte aber bald über den Atlantik und wurde später von England aus von Bands wie den Beatles, The Who und den Rolling Stones gleich einer gewaltigen Flutwelle wieder zurückgespült und den Amerikanern gewissermassen um die Ohren gehauen.

Doch zurück zu den ersten Tagen der elektrischen Gitarren. Da man ja aufgrund der Elektrifizierung nicht mehr der Lautstärke wegen auf einen schwingenden Korpus angewiesen war, gelang dem amerikanischen Musiker und Tüftler Les Paul mit einer konsequenten Weiterentwicklung der große Wurf: Er verzichtete ganz auf den hohlen Korpus der Gitarre, der mit seinen unkontrollierbaren Schwingungen ohnehin sehr anfällig für Rückkopplungen war (Feedbacks) und nahm an Stelle des hohlen Korpus einfach ein massives Stück Holz. Dieses massive Stück Holz könnte man etwas weniger ehrfurchtsvoll auch einfach “Brett” nennen. An dieses Brett nagelte schraubte er den Hals, installierte einen Tonabnehmer unter den Saiten – fertig war eine Solidbody E-Gitarre. Die Firma Gibson brachte eine Weiterentwicklung dieser Gitarre in den 50er Jahren als Les Paul Modell heraus. Bereits vorher feierte Leo Fender mit seinen Solidbody Gitarrenmodellen Telecaster und Stratocaster große Erfolge. Die Fender Stratocaster und Gibson Les Paul sind bis heute die meist gebauten und kopierten E-Gitarrenmodelle weltweit. Mit der Entwicklung der E-Gitarre ging auch die Entwicklung eigens für die E-Gitarre entwickelter Verstärker einher. Auch auf diesem Gebiet leistete Fender Großartiges und Fender Verstärker aus den 50er, 60er und 70er Jahren sind auch heute noch für viele Musiker das Maß aller Dinge.

Doch was genau hat es mit den Verstärkern auf sich?

Ein Verstärker gehört zur E-Gitarre wie der Motor zum Ferrari. Ohne Motor wäre ein Ferrari immer noch schön, aber nicht mehr laut schnell. Zu Beginn der zauberhaften Liebesgeschichte zwischen Holz und Elektronik, zwischen Gitarre und Verstärker, hatte letzterer die Aufgabe, den Ton der Gitarre zu verstärken, also lauter zu machen, keineswegs aber zu entstellen oder gar zu verzerren. Verzerrung war verpönt! Auf dieses Ziel hin wurden Gitarrenverstärker optimiert und weiterentwickelt: Möglichst hohe Lautstärke bei möglichst geringer Verzerrung (das ist auch die Zielsetzung bei der Entwicklung einer guten Hifi-Anlage). Die wichtigsten Hersteller von Gitarrenverstärkern zu dieser Zeit: Fender in den USA und VOX in England. Ende der 50er Jahre war es ein englischer Tüftler, der den E-Gitarren Sound (eigentlich aus Versehen;-) revolutionierte.

Sie entstand aus Versehen und kam, um zu bleiben: Die Verzerrung

Jim Marshall, der in London ein kleines Musikgeschäft mit angeschlossener Bastelgarage betrieb, begann in den 50er Jahren mit der Entwicklung eigener Gitarrenverstärker: Die Geburtsstunde der Firma Marshall Amplification! Zu seinen frühen Kunden gehörte u.a. Pete Townsend von The Who, der nach immer lauteren Gitarrenverstärkern verlangte. (Die Beatles blieben zur selben Zeit übrigens zunächst noch der Firma VOX treu, schwenkten aber später um zu Fender Amps). Doch zurück zu Jim Marshall: Sein Ziel war es damals, lautere Verstärker zu konstruieren, die ironischerweise gemäß der damaligen Maxime verstärken aber nicht verzerren sollten. Er warb zu Beginn sogar noch damit, absolut verzerrungsfreie Verstärker herzustellen. De facto wurden seine Amps (=Amplifier=Verstärker) aber berühmt für das Gegenteil, nämlich sahnig bis brutal verzerrende Gitarrenverstärker. Das entstand mehr oder weniger zufällig. Musiker wie Pete Townsend rissen die Verstärker bei ihren energetischen Live-Auftritten derart weit auf, dass die Verstärker verzerrten. Diese Verzerrung wurde zum elementaren Bestandteil des Sounds, war nicht länger verpönt, sondern wurde sogar bewusst angestrebt. Der Nachteil: Verzerrung entstand erst bei der Übersteuerung des Verstärkers, also bei brüllender Lautstärke. Gitarristen (aber auch deren Bandmitglieder!) wie der oben zitierte Pete Townsend bezahlten für diese Lautstärke später mit einem dramatischen Verlust ihrer Hörkraft. Die Firma Marshall verstand auf jeden Fall den Trend zum bewusst verzerrten Gitarrensound und reagierte darauf mit revolutionären Verstärkern, die dem Gitarristen von nun an erlaubten, den Grad der Verzerrung unabhängig von der Lautstärke einzustellen und damit zu kultivieren. Diese Entwicklung bewahrte sicherlich (bis heute) viele Gitarristen vor dem Schicksal der völligen Taubheit.

Beispiele bitte!

Für den Fall, dass Sie sich unter verzerrten und nicht verzerrten Gitarren nichts vorstellen können, im folgenden einige gut bekannte Beispiele aus der Rockmusik. Jimi Hendrix, einer der prägendsten Rock-Gitarristen seiner Zeit und aller anderen Zeiten, war ein Kunde von Marshall und spielte meist mit angezerrtem oder auch völlig verzerrtem Ton. Oder stellen Sie sich die berühmten ersten 3 Töne des Gitarrenriffs von “Smoke On The Water” ohne Verzerrung vor. Was bliebe übrig? “Pling, pling, pling”. Diese Art von Musik funktioniert nicht ohne Verzerrung. Hard Rock und Heavy Metal Bands nutzen seit den frühen 70er Jahren nahezu ausschließlich verzerrte Gitarrensounds. So ziemlich jede Rockhymne, die Sie kennen, wird von verzerrten Gitarren getragen, ganz gleich ob von Deep Purple, Queen, Van Halen, Kiss, Aerosmith… ich könnte die Liste beliebig fortsetzen. Es gibt allerdings auch Gegenbeispiele. Mark Knopfler von den Dire Straits etwa setzt nur selten hart verzerrte Gitarrensounds ein (so etwa bei “Money For Nothing”). Seine bekanntesten Songs und Soli basieren jedoch auf einem cleanen (=unverzerrt) Countrypicking (Chicken Picking! Tipp: Wer sich hierfür interessiert, sollte einmal nach “Albert Lee” googlen). Mark Knopfler benutzt für seinen typischen Sound vorwiegend Fender Stratocaster Modelle und eben “clean” eingestellte Gitarrenverstärker. So ist die Fender Stratocaster tendenziell eher bei cleaneren Sounds, die Gibson Les Paul eher bei verzerrteren Sounds gefragt. Hier finden Sie einige typische Klangbeispiele zu den wichtigsten Gitarrenmodellen.

Ab wann kann ein Kind E-Gitarre spielen?

Diese Frage würde ich weniger am Alter festmachen als vielmehr am (echten) Interesse Ihres Kindes an der E-Gitarre und an der Musik, die man üblicherweise mit diesem Instrument verknüpft. Außerdem würde ich dringend dazu raten, zunächst mit einer akustischen Gitarre zu beginnen, bis das Kind zumindest mit den Grundlagen des Gitarrespielens vertraut ist. Wenn Ihr Kind also schon früh mit einer akustischen Gitarre begonnen hat, dann kann es durchaus mit 10 Jahren schon E-Gitarre spielen. Oder 9 oder 8… viel weiter möchte ich an dieser Stelle nicht rückwärts zählen… Falls Sie der Ansincht sind, dass eine elektrische Gitarre doch (noch) nicht das Richtige ist für Ihr Kind, so finden Sie hier einige allgemeine Informationen: Gitarre für Kinder

Was kostet der Spaß?

Erstaunlich wenig. Eine E-Gitarre macht natürlich nur Sinn zusammen mit einem Verstärker. Für Anfänger bietet nahezu jedes Musikhaus fertige E-Gitarren Pakete (oder E-Gitarren Sets) an mit Instrument, Verstärker, Kabel, Gigbag, Gitarrengurt, Stimmgerät etc. In unserem Einkaufsführer stellen wir Ihnen 3 empfehlenswerte E-Gitarren Modelle für Einsteiger vor. Ausserdem als Budget Tipp noch ein Einsteiger-Paket incl. E-Gitarre, Verstärker und Zubehör für unter 100 Euro. Einen systematischen, kostenlosen Online-Gitarrenkurs für den Einstieg findet man hier: Online Gitarre lernen

Jetzt herunterladen!

Musikinstrumente für Kinder

Die komplette Audio CD “Musikinstrumente für Kinder” und das gleichnamige eBook

War dieser Artikel für Sie hilfreich?

Bitte bewerten Sie hier die Qualität der Informationen auf dieser Seite, vielen Dank!

Die elektrischen Gitarren: 1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
5.00 von 5 Punkten, basierend auf 12 abgegebenen Bewertungen.
Loading ... Loading ...