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Die wunderbare Welt der Akkorde

klaviertastaturÜblicherweise teilt man die Instrumente nach der Art ihrer Tonerzeugung ein, etwa in Holzblas-, Blechblas-, Saiteninstrumente u.s.w. Im folgenden möchte ich die Instrumente aber danach einteilen, ob man mit ihnen mehrere Töne gleichzeitig spielen kann (einen Akkord) – oder eben nicht. Akkorde (oder Harmonien) und damit die Mehrstimmigkeit sind das charakteristischste und wichtigste Element der gesamten abendländischen Musik. Keine Angst, ich werde hier keine Harmonielehre im strengen Sinne betreiben aber es ist wichtig, die Bedeutung von Harmonien für unsere Musik zu erkennen.

Wie alles begann

Seit über 1000 Jahren bedienen sich die Menschen unseres Kulturkreises der Mehrstimmigkeit – teils gegen heftigen Widerstand! So war die neue Mehrstimmigkeit nicht vereinbar mit den klerikalen einstimmigen Gesängen, die als die reinste Form galten, Gott zu preisen. Dazu gehörten etwa die “Gregorianischen Gesänge” (die seit einigen Jahren eine große Renaissance erleben). Diese Gesänge waren und sind charakteristischerweise einstimmig (monophon). Es wurde damals bewusst auf Akkorde verzichtet. Mehrstimmigkeit stand im 14. Jahrhundert zeitweise sogar kurz vor einem päpstlichen Verbot, da diese angeblich vom Text – also vom Wesentlichen – ablenkte. Glücklicherweise hat die Mehrstimmigkeit überlebt und ist seitdem nicht mehr aus der abendländischen Musik wegzudenken. Aber welche Instrumente sind denn nun monophon, also einstimmig? Antwort: Fast alle. Allen voran die menschliche Stimme, denn niemand kann ohne technische Hilfsmittel mit sich selbst mehrstimmig singen. Dasselbe gilt auch für alle klassischen Blasinstrumente (während man mit einer Mundharmonika und auch mit einer Melodika durchaus mehrstimmig spielen kann).

Von einsamen und gemeinsamen Tönen

Allen monophonen Instrumenten ist also gemein, dass man mit ihnen nur einen Ton zur selben Zeit spielen kann. Wenn Sie mit einem Saxophon ein C spielen, dann bleibt es bei diesem C. Möchten Sie nun die Terz dazu hören und spielen zwecks Erreichung dieses hehren Ziels in der Folge ein E, dann hören Sie zwar das E, das C ist aber im selben Moment verklungen. Es ist mit einem einzelnen Blasinstrument also nicht möglich, mehrere Töne gleichzeit zu spielen. Wenn Sie mehrstimmige Trompeten hören wollen, dann benötigen Sie in der Tat mehrere Trompeten (oder einen guten Keyboarder bzw. Sampler…). Die Lösung: Ein Posaunenchor, Musikverein, Big Band, Bläserklasse u.s.w. Als einzelner Trompeter werden Sie einstimmig bleiben. Eben monophon. Während des Schreibens wird mir soeben klar, dass es durchaus eine Möglichkeit gibt, mit einem Blasinstrument mehrere Töne gleichzeitig zu Gehör zu bringen – und je länger ich darüber nachdenke desto eher neige ich zu der Annahme, dass es ein Blasinstrument gibt, das eigens zu diesem Zweck konstruiert wurde: Das Alphorn! Allerdings ist dies an eine Voraussetzung geknüpft: Ein Echo. Denken Sie an einen lederbehosten Alphornisten auf einer Alm Ihrer Wahl. Er spielt in Ruhe ein C, wartet ein wenig, bis er das Echo des C hört und intoniert dann ein E hierzu. Der Alphornist hört nun ebenso wie all seine 2- und 4-beinigen Zuhörer und Zuhörerinnen 2 Töne gleichzeitig, nämlich das (aktuelle) E mit dem (vorherigen) C. Eine lupenreine Terz und ein wundervoller Zweiklang! Ähnliche Spielereien sind heute natürlich auch ohne Alpen und ohne Alphorn realisierbar – es genügt ein beliebiges Instrument (oder die menschliche Stimme) und ein einfaches Hall- bzw Delaygerät und/oder Plugin.

Monophon und Solo

Die monophonen Blasinstrumente bilden gleichzeitig die wichtigsten klassischen Solo-Instrumente des Sinfonie-Orchesters. Sie spielen im doppelten Sinne solo – also einstimmig und alleine (im Sinne von allein vor allen anderen). Nämlich die Hauptstimme, während alle anderen Instrumente in ihrer Gesamtheit das harmonische Gerüst zur Verfügung stellen. Klassische Solo-Instrumente sind die Trompete, die Querflöte, Klarinette, Oboe, Violine – seltener Instrumente in den tieferen Lagen wie Posaune, Fagott, Cello oder ähnliche. Ein weiteres Solo-Instrument (allerdings nicht im Sinne der klassischen Musik) ist das Saxophon. Was macht diese Instrumente zu Solo-Instrumenten? Neben ihrem jeweiligen Klang, der von unterschiedlichen Menschen als unterschiedlich “schön” empfunden wird, zunächst einmal etwas ganz profanes: Die Lautstärke! Zu einer Zeit, als noch nicht die Möglichkeit der elektrischen Verstärkung bestand, waren bestimmte Instrumente allein aufgrund ihrer geringen Lautstärke als Solo-Instrumente untauglich. So war es beispielsweise ausgeschlossen, dass sich eine klassische Konzertgitarre in einem vollen Orchester neben den Blechbläsern Gehör verschaffte. Aus diesem Grund sucht man in einem Sinfonie-Orchester auch heute noch vergeblich nach einer Konzertgitarre. Erst die Erfindung des Gitarrenverstärkers machte die Gitarre zu einem vollwertigen Solo-Instrument (allerdings nicht in der klassischen Musik).

Polyphonie bei elektronischen Instrumenten

Was ist mit elektronischen Musikinstrumenten, wie beispielsweise dem Digitalpiano? Ein Keyboard ist heute üblicherweise polyphon, jedoch nicht unbeschränkt! Je nach Alter, Preis und Technologie des jeweiligen Instruments ist die Zahl der gleichzeitig “abrufbaren” Töne limitiert. Die Angabe “wieviel-stimmig-polyphon” ein elektronisches Tasteninstrument ist, hat heute allerdings keinen großen Praxisbezug mehr – für “normale” Ansprüche wird es in jedem Fall genügen. Das war vor ein paar Jahrzehnten noch anders. So waren beispielsweise die ersten Synthesizer noch monophon. Man konnte also trotz der “Klaviertastatur” nur einen Ton zur selben Zeit abrufen. Insofern waren die ersten Synthesizer durchaus “klassische” Solo-Instrumente. Spätere Modelle waren dann 2-stimmig polyphon”, 4 stimmig polyphon, 8 stimmig polyphon u.s.w. Sie brauchen sich bei der Anschaffung heutiger elektronischer Instrumente wegen derartiger Aspekte nicht mehr den Kopf zu zerbrechen. Zumindest sollten Ihnen diese Informationen helfen, ein Stück weit das Fach-Chinesisch aus den Prospekten einzuordnen.

Akkord-Instrumente

Eine Gitarre hat 6 Saiten, die es dem Spieler ermöglichen, bis zu 6 Töne gleichzeitig anzuschlagen. Eine Gitarre ist daher ein “polyphones” Instrument – auch ganz ohne Alpen, Hallgerät oder sonstige Hilfsmittel. Sie wollen noch mehr Töne? Mit einem herkömmlichen Klavier kann man im Extremfall bis zu 88 Töne gleichzeitig spielen – wenn man sich etwa längs über die gesamte Tastatur legt und es schafft, dabei alle weißen und schwarzen Tasten gleichzeitig herunterzudrücken. Das Resultat wäre ein recht eindrucksvolles Cluster. Das ist Polyphonie allererster Güte! Wobei ein Musiktheoretiker in diesem Fall nicht von Polyphonie sprechen würde. In der strengen Lehre handelt es sich erst dann um Polyphonie, wenn mehrere Stimmen von einem Komponisten unabhängig voneinander “gesetzt” sind. Solche und ähnliche Spitzfindigkeiten werde ich im folgenden ignorieren. Ein anderes (allerdings weniger spektakuläres) Cluster erhält man, wenn man beispielsweise mit dem kompletten Unterarm längs auf die Tastatur schlägt. Üblicherweise und bei weniger grober Spielweise beschränkt sich die Anzahl der maximal zeitgleich gespielten Töne beim Klavier allerdings auf 10 – analog zu den 10 Fingern. Zur Charakteristik eines “reinen” Dur- oder Moll-Akkordes genügen bereits 3 Töne (gleichzeitig bzw. im Zusammenhang gespielt). Nur in den wenigsten Fällen des täglichen Musik-Lebens bestehen Akkorde aus mehr als 4 verschiedenen Tönen gleichzeitig (wenn man Oktav-Wiederholungen einmal ausklammert). Doch die Gitarre und das Klavier als typischste Vertreter der Akkord- (oder Harmonie-) Instrumente haben noch einen weiteren immensen Vorteil: Man kann sie spielen und (mit etwas Übung) gleichzeitig (etwas anderes) dazu singen. Die meisten Sänger in der Rock- und Popmusik spielen auf der Bühne gleichzeitig noch eine Gitarre oder ein Keyboard (seltener Bass oder Schlagzeug). Versuchen Sie hingegen einmal, gleichzeitig Saxophon zu spielen und zu singen…

Nicht schwarz, nicht weiß

Während also ein Blasinstrument meist monophon ist und ein Klavier polyphon, gibt es einige Instrumente, die irgendwo dazwischen liegen. So ist beispielsweise die Violine durchaus ein typisches Solo-Instrument und wird nur selten als Harmonie-Instrument eingesetzt. Nichtsdestotrotz ist es im Falle der Violine zumindest theoretisch möglich, bis zu 4 Töne gleichzeitig erklingen zu lassen. In der Praxis bleibt es (wenn überhaupt) meist bei 2 Tönen gleichzeitig (etwa Terzen, Quarten oder Quinten). Die hierzu erforderlichen Techniken gehören allerdings eher zum Repertoire weit fortgeschrittener Spieler bzw. Virtuosen. Dies ist ein enormer Unterschied zur Gitarre, die sich ja geradezu dadurch auszeichnet, dass auch der Anfänger sehr schnell in der Lage sein wird, Akkorde zu greifen und zu beherrschen. Weitere Beispiele für Instrumente, mit denen man zwar Harmonien spielen kann, dieses aber eher selten tut, sind das Cello, der Kontrabass und auch der E-Bass.

Alte und junge Komponisten

Nahezu jeder bedeutende Komponist der vergangenen Jahrhunderte spielte Klavier oder ein anderes klassisches Tasteninstrument (wie etwa das Cembalo) – wenn nicht als Haupt-, dann doch zumindest als Nebeninstrument. Fast alle klassischen Kompositionen entstanden und entstehen am Klavier. Warum? Weil man mit Hilfe des Klaviers am einfachsten und übersichtlichsten komplexe Harmonieschöpfungen erstellen – eben komponieren – kann.
Im Bereich der Populärmusik wurde das Klavier im Laufe der letzten Jahrzehnte von der Gitarre ergänzt (ich sage bewusst “ergänzt” und nicht “verdrängt”). Gehen Sie doch einmal im Kopf alle erfolgreichen Bands und Songschreiber aus der gesamten Pop / Rock / Jazz / Folkmusik der letzten Jahrzehnte durch. Es wird Ihnen auffallen, dass nahezu alle Songs von den Gitarristen oder Keyboardern der jeweiligen Band geschrieben wurden (bei vielen Bands sind die Komponisten und Interpreten der Songs identisch, falls dem nicht so ist, wie etwa bei Elvis Presley, beziehe ich mich hier natürlich auf die Komponisten der zugehörigen Songs, nicht auf die Interpreten).

Ihr Kind ist kreativ? Es hat viel Fantasie? Es erfindet gerne Geschichten? Es singt gerne? Es erfindet eigene Melodien? Dann kaufen Sie ihm ein Harmonie-Instrument – also ein Klavier (bzw. eine günstigere elektronische Alternative) oder eine Gitarre. Vielleicht steckt in Ihrem Kind ein junger Komponist oder Songschreiber!

Komponisten und die Harmonie

Geradezu der lebende Beweis für die These, dass bedeutende Komponisten Harmonieinstrumente spielen ist einer der berühmtesten und zugleich erfolgreichsten Songschreiber des 20. Jahrhunderts: Paul McCartney. Er stammt aus einer sehr musikalischen Familie und sein Vater spielte Trompete in einer Jazz-Band, sein Onkel spielte Posaune. Daher war auch Pauls erstes Instrument eine Trompete. Nach eigener Aussage merkte McCartney allerdings recht schnell, “dass man mit einer Trompete im Mund nicht singen kann”. Daher brachte er sich im frühen Teenageralter selbst das Gitarrespielen bei. Wäre McCartney bei der Trompete geblieben, hätten die Beatles in ihrer Wucht niemals stattgefunden – zumindest wären die berühmtesten Lennon/McCartney Songs ungeschrieben geblieben. Es gibt eine Anekdote, dass McCartney bei einem frühen Auftritt der damaligen “Quarrymen” einmal mit seiner Trompete aufgetaucht sein soll, woraufhin Lennon ihn gleich von der Bühne kickte. Sicherlich eine leicht überspitzte Darstellung. Fakt ist jedoch: McCartney – wie im übrigen auch John Lennon – schrieb nahezu all seine Songs entweder an der Gitarre oder am Klavier (nie an der Trompete). Es soll nicht so klingen, als wolle ich die Trompete schlecht machen – ganz im Gegenteil, sie ist eine Königin! Mir geht es nur darum, auch dem musikalischen Laien aufzuzeigen, worin der grundsätzliche Unterschied zwischen einem einstimmigen und einem mehrstimmigen Instrument liegt.

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